Ich bin Asthma- oder COPD-Patient:in. Hatten Sie bereits vor Ihrer Diagnose einen Lungenfunktionstest, oder wurde dieser erst im Rahmen der Diagnosestellung durchgeführt?

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Gendermedizin spielt bei Lungenerkrankungen eine essenzielle Rolle

08.01.2026

Weil Frauen und Männer durch biologische und hormonelle Faktoren unterschiedlich auf Krankheiten reagieren, gewinnt die Gendermedizin zunehmend an Bedeutung. Sie untersucht nicht nur geschlechterspezifische Symptome, sondern auch die unterschiedlichen Zugänge von Männern und Frauen zu Gesundheitsversorgung und Prävention. Dabei wird erforscht, wie sich diese Unterschiede auf Entstehung, Verlauf und Behandlung von Krankheiten auswirken – besonders deutlich wird das bei Lungenerkrankungen.1,2,3

Asthma und COPD: Wenn Hormone den Unterschied machen

Die geschlechterspezifischen Ausprägungen bei Atemwegserkrankungen sind besonders bei Asthma sehr deutlich: Im Kindesalter leiden mehr Jungen als Mädchen darunter, doch nach der Pubertät wendet sich das Blatt.1,3 Erwachsene Frauen erkranken häufiger und mitunter schwerer an Asthma.3

Grund dafür sind oft Hormone: Testosteron wirkt schützend, indem es die Bildung bestimmter Immunzellen unterdrückt, die bei allergischen Reaktionen eine Rolle spielen.3 Das weibliche Hormon Östrogen hingegen scheint die Bronchien reaktiver zu machen und die Empfindlichkeit von Entzündungszellen gegenüber Allergenen zu steigern.3 Besonders deutlich wird dieser Einfluss, wenn sich rund um die Menstruation und den Eisprung die Asthmaanfälle häufen.1 Studien haben auch ergeben, dass eine frühe erste Regelblutung vor dem zwölften Lebensjahr sogar mit einem erhöhten Asthmarisiko einhergeht.1

Auch bei COPD zeigen sich markante Unterschiede: Die Erkrankung wurde lange als typische "Raucherlunge" älterer Männer wahrgenommen – mit Folgen für die Diagnosestellung bei Frauen.2 Während Männer vor allem durch Husten auffallen, zeigen Frauen häufiger unspezifische Symptome wie Müdigkeit, Erschöpfung und psychische Belastungen wie Angst.2,3 Das führt dazu, dass die Diagnose bei Frauen häufiger übersehen wird.2

Empfindlichere Lungen bei Frauen

Anatomische Unterschiede sind jedenfalls entscheidend: Frauen haben meist engere Atemwege und ein geringeres Lungenvolumen als Männer.1,3 Zudem sind die Wände der Atemwege dünner. Zusammen mit einer kleineren Atemwegsoberfläche kann das dazu führen, dass sich Schadstoffe – etwa Zigarettenrauch – dort stärker anreichern.3 Die Konsequenz: Frauen entwickeln oft früher COPD, bei gleicher Rauchbelastung und benötigen häufiger eine Langzeit-Sauerstofftherapie.1,3

Studien zeigen außerdem, dass ein großer Anteil der COPD-Fälle bei Nichtraucher:innen weiblich ist. Das könnte darauf hindeuten, dass Frauen sensibler auf Risikofaktoren wie Luftschadstoffe reagieren.3

Beruf, Hormone und Lebensphasen: Alles spielt mit

Die Unterschiede gehen sogar über die reine Biologie hinaus. Bestimmte Berufsumgebungen beispielsweise betreffen Männer und Frauen unterschiedlich stark: Männer waren historisch häufiger in der Industrie tätig und damit Asbest, Silikat und schädlichen Dämpfen ausgesetzt.3 Bei Frauen hingegen können spezifische Arbeitsbedingungen, etwa in Reinigungsberufen oder der Pflege, die Lunge belasten.2

Frauen durchleben zudem intensivere hormonelle Veränderungen: Pubertät, Schwangerschaft, Menstruationszyklus und Wechseljahre beeinflussen den Krankheitsverlauf bei Asthma und COPD sehr stark.1,3

Was bedeutet das für die Praxis?

Die Erkenntnisse der Gendermedizin haben direkte Auswirkungen: Ärztinnen und Ärzte müssen geschlechtsspezifische Symptome erkennen, Diagnosen entsprechend anpassen und Therapien individuell gestalten.2 Auch die medizinische Begleitung und Kommunikation sollte sich daran und den unterschiedlichen Bedürfnissen orientieren – denn ein ungeeigneter Gesprächsstil kann zu falschen Diagnosen und mangelnder Therapietreue führen.1

Moderne Medikamentenstudien müssen Männer und Frauen gleichermaßen einbeziehen, um geschlechtsspezifische Wirkungen und Dosierungen zu erforschen.1 Das Ziel: eine personalisierte Medizin, die alle Geschlechter berücksichtigt und von der letztlich alle profitieren.3