Mit dem Asthmaspray gegen COVID-19?
14.05.2021

Kürzlich sorgten die Ergebnisse einer britischen Studie mit dem Namen „STOIC“ (1) für Aufregung: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Wirkstoff Budesonid, der in vielen COPD- und Asthma-Inhalatoren enthalten ist, die Wahrscheinlichkeit verringert, dass Patient:innen dringliche ärztliche Hilfe benötigen und die Erholungszeit nach einer frühen Covid-19 Infektion reduziert.

Nach dieser Meldung über mögliche positive Effekte stieg die Nachfrage nach Asthmasprays in den Apotheken rasant an. Kurz war sogar von Engpässen die Rede, die besonders jene Patient:innen, die Inhalatoren zur Behandlung von Asthma bronchiale oder bei allergischem Asthma dringend benötigen, besonders beunruhigt hat. Eine Vielzahl von Expert:innen, unter anderem Vertreter:innen der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP), haben sich daher die Studienergebnisse genauer angesehen und warnen vor vorschnellen Lorbeeren für den Wirkstoff im Zusammenhang mit einer COVID-19-Behandlung.2

Weniger Menschen im Spital

Entzündungshemmende Kortisonsprays, sogenannte inhalative Glukokortikoide (ICS), sind die Basistherapie bei Asthma bronchiale. Britische Forscher:innen haben festgestellt, dass weniger Menschen, die an chronischen Atemwegserkrankungen leiden, aufgrund einer COVID-19-Infektion ins Krankenhaus kamen1. Sie haben daher vermutet, dass die Asthmatherapie mit Kortisonsprays hier eine unterstützende Wirkung haben könnten. Gleichzeitig stellten sie sich die Frage, ob die Asthmasprays auch bei bereits Erkrankten als wirksame Behandlung eingesetzt werden können. Andere Expert:innen haben sich hingegen genau gegenteilig geäußert, nämlich dass die Verwendung von entzündungshemmenden Kortisonsprays die Gefahr erhöht, an COVID-19 zu erkranken3. Für Patient:innen sind derartige Informationen nicht nur widersprüchlich, sondern sorgen für massive Verunsicherung.

In einer gemeinsamen Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) und der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI) mit dem Titel „Therapie mit inhalativen Glukokortikoiden bei COVID-19“4 weisen die Autoren darauf hin, dass die STOIC-Studie lediglich Hypothesen generierend ist und dass sich aus dieser Studie noch keine generelle Empfehlung für eine ICS-Therapie in der geprüften Dosis für Patient:innen mit COVID-19 ableiten lässt. Dafür gibt es nach Ansicht der Autoren der Stellungnahme mehrere Gründe:

  • Nicht-verblindete Studie: Es handelte sich zwar um eine randomisierte, aber nicht um eine verblindete Studie. Das heißt, dass die Patient:innen und die behandelnden Ärzt:innen wussten, ob das ICS inhaliert wurde oder nicht. Ein möglicher Placebo-Effekt blieb hier also unberücksichtigt.
  • Geringe Patientenzahl: Es handelte sich um eine Studie mit vergleichsweise wenigen Patienten (je 73 Patienten in beiden Gruppen), die über einen auffällig langen Zeitraum (Juli bis Dezember 2020) trotz hoher Infektionszahlen in Großbritannien rekrutiert wurden. Ein Selektions-Bias ist somit nicht ausgeschlossen. Zudem hatten 16% der Patient:innen in der Budesonid-Gruppe ein Asthma, und haben somit möglicherweise auch aufgrund ihrer Grunderkrankung vom ICS profitiert. Daher ist die Aussagekraft für die Gesamtheit der Patient:innen mit COVID-19 eingeschränkt.
  • Subjektive Endpunkte: Sowohl der primäre Endpunkt – das war die COVID-19-bedingte ärztliche Vorstellung - als auch die sekundären Endpunkte der Studie (z.B. die Zeit bis zur von den Patient:innen empfundenen klinischen Besserung oder der Bedarf an Antipyretika) sind subjektiv geprägt, und damit anfällig für den oben genannten Placebo-Effekt. Es ist zum Beispiel möglich, dass Budesonid-behandelte Patienten im Vertrauen auf eine ICS-Wirkung ärztliche Hilfe seltener oder später aufsuchten. Dafür spricht, dass sich objektive Studienendpunkte (z.B. Sauerstoffsättigung oder SARS-CoV-2-Viruslast) nicht signifikant von der Kontrollgruppe unterschieden.
  • Hohe ICS-Dosis: Die in der Studie gewählte ICS-Dosis (1600 μg Budesonid pro Tag) entspricht einer ICS-Höchstdosis für Patient:innen mit Asthma5. Sowohl in der Asthma-Therapie5 als auch in der COPD-Therapie6 sind bei der übergroßen Mehrheit der Patient:innen viel niedrigere ICS-Dosen klinisch sehr effektiv. Es lässt sich daher aus der Studie nicht ableiten, ob wirklich so hohe ICS-Dosen (die zu erheblichen Nebenwirkungen führen können7 im Rahmen einer COVID-19-Behandlung eingesetzt werden sollten.
  • Unklare Relevanz für schwere COVID-19-Verläufe: Im besten Falle gibt diese Studie Hinweise, dass die Zeit bis zur klinischen Besserung durch eine ICS-Therapie bei milden bis mittelschweren Verläufen möglicherweise verkürzt werden kann. Ein ähnliches Ergebnis erbrachte eine Interims-Analyse der größeren PRINCIPLE-Studie.8 Weder die STOIC-Studie1 noch die PRINCIPLE-Studie8 haben aber gezeigt, dass durch diese Therapie schwere COVID-19-Verläufe oder Todesfälle verhindert werden können.

 

Die Autoren der Stellungnahme weisen darauf hin, dass weitere, größere, verblindete, Placebo-kontrollierte Studien mit unterschiedlichen ICS-Dosen benötigt werden, um mögliche ICS-Effekte bei COVID-19 zu bestätigen. Es ist auf Basis der STOIC-Studie nicht möglich, eine allgemeine ICS-Behandlung von Patient:innen mit COVID-19 zu empfehlen. ICS-haltige Präparate sind für die COVID-19-Therapie nicht zugelassen. Es wird jedoch ausdrücklich empfohlen, eine bestehende ICS-Dauertherapie bei Patient:innen mit Asthma oder COPD während der aktuellen SARS-CoV-2-Pandemie und im Rahmen von COVID-19 fortzuführen.9

Quellen:

  1. Sanjay Ramakrishnan, MBBS, Dan V Nicolau Jr, PhD, Beverly Langford, RGN, Mahdi Mahdi, BSc, Helen Jeffers, RGN, Christine Mwasuku, PGDip, et al, Inhaled budesonide in the treatment of early COVID-19 (STOIC): a phase 2, open-label, randomised controlled trial, Lancet Respiratory Medicine 2021; https://doi.org/10.1016/S2213-2600(21)00160-0

  2. Stellungnahme der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) zur Anwendung inhalativer Glukokortikoide (ICS) bei COVID-19, https://www.ogp.at/wp_ogp/wp-content/uploads/Inhalative-Glukokortikoide-bei-COVID-19.pdf

  3. Halpin DMG, Singh D, Hadfield RM. Inhaled corticosteroids and COVID-19: a systematic review and clinical perspective. Eur Respir J 2020; 55: 2001009 [https://doi.org/10.1183/ 13993003.01009-2020].

  4. M Idzko, M Lommatzsch, C Taube, E Eber, B Lamprecht, F Horak, W Pohl, K F. Rabe, J Virchow, E Hamelmann, M Pfeifer, T Bauer, R Buhl: Therapie mit inhalativen Glukokortikoiden bei COVID-19, Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) und der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI), https://pneumologie.de/fileadmin/user_upload/COVID-19/20210419_DGP_OEGP_DGAKI__C19_und_ICS__STOIC-Studie.pdf

  5. Lommatzsch M, Buhl R, Korn S. The Treatment of Mild and Moderate Asthma in Adults. Dtsch Arztebl Int 2020;117:434-44.

  6. Singh D, Agusti A, Anzueto A, et al. Global Strategy for the Diagnosis, Management, and Prevention of Chronic Obstructive Lung Disease: the GOLD science committee report 2019. Eur Respir J 2019;53.

  7. Maijers I, Kearns N, Harper J, Weatherall M, Beasley R. Oral steroid-sparing effect of high-dose inhaled cor- ticosteroids in asthma. Eur Respir J 2020;55

  8. PRINCIPLE Collaborative Group, Inhaled budesonide for COVID-19 in people at higher risk of adverse outcomes in the community: interim analyses from the PRINCIPLE trial, https://doi.org/10.1101/2021.04.10.21254672

  9. Lommatzsch M, Rabe KF, Taube C, et al. [Risk Assessment for Patients with Chronic Respiratory and Pul- monary Conditions in the Context of the SARS-CoV-2 Pandemic - Statement of the German Respiratory Society (DGP) with the Support of the German Association of Respiratory Physicians (BdP)]. Pneumologie 2021;75:19-30